Geschlechter gibt es noch lange

Immer wieder lese ich in irgendwelchen, angeblich wissenschaftlichen Beiträgen, dass „das Y-Chromosom ja schwach wäre“, auf lange Sicht „Männer wohl aussterben würden“ und es dann nur noch Frauen gäbe. Als studierter Biologe ärgern mich solche Beiträge, da sie wissenschaftlicher Unfug sind und lediglich zeigen, dass der Autor von Biologie keine Ahnung hatte, speziell von Evolution. Für alle nicht-Biologen möchte ich das kurz ausführen:

Es gibt auf der Erde, mit abzählbar vielen Ausnahmen bzw. Spezialfällen, keine mehrzelligen Spezies, deren Lebensspanne unbegrenzt wäre. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Individuen, selbst wenn sie nicht durch äußere Umstände zu Tode kommen, z.B. von Feinden gefressen werden, im Laufe ihres Lebens einer zumindest teilweise irreversiblen, qualitativen Degradation (gemeinhin „Alterung“) unterworfen sind, angefangen bei der Erbsubstanz DNA, bis zur Gewebe- und Organ-Ebene. Um weiter existieren zu können, ist in regelmäßigen Abständen eine Verjüngung erforderlich, die in Form einer Erneuerung des gesamten Individuums durch ebenjene Fortpflanzung von statten geht.

Arten, die über keine Geschlechter verfügen, haben in aller Regel nur die Möglichkeit, sich durch Klonierungs-ähnliche Methoden fortzupflanzen. Hieraus resultiert ein Individuum, das mit dem Eltern-Tier weitgehend identisch ist, also ungefähr dieselbe Fitness aufweist. Solche Arten entwickeln sich nur weiter, indem durch natürliche Auslese die eher unfitteren Individuen zugrunde gehen, während die fitteren tendenziell eher überleben und sich weiter fortpflanzen.

Die Innovation, Geschlechter einzuführen, ist in diesem Kontext ein bedeutender, evolutionärer Fortschritt:
1. Die Möglichkeit, die Gen-Kombinationen in einem Individuum mit denen eines anderen zu rekombinieren, führt zu einer stärkeren Aufspreizung in der Häufigkeitsverteilung von fitteren und unfitteren Individuen in der Folgegeneration. In der Folge kann eine gezieltere Auslese stattfinden, die nach einer geringeren Anzahl von Generationsabfolgen in verbesserten Gen-Kombinationen resultiert, als das ohne die Rekombination bzw. Aufspreizung möglich wäre.
2. Einen Partner zur Fortpflanzung zu benötigen, impliziert als Zwischenschritt eine Partnersuche. Diese Suche als integraler Bestandteil des Fortpflanzungmodus aber ermächtigt das Individuum -im Gegensatz zu ausschließlich natürlichen Auslese-Mechanismen- seine Intelligenz für das Herbeiführen evolutionärer Anpassungen heranzuziehen. Durch Nutzung seiner Intelligenz kann es z.B. seine Umwelt einzuschätzen und einen in dieser konkreten Umwelt fitten Partner gezielt auszuwählen. Diese Involvierung von Intelligenz in evolutionäre Mechanismen zieht eine drastische Vergrößerung evolutionärer Dynamik sowie Verkürzung der für evolutionäre Anpassungen und Fortschritte erforderlichen Anzahl von Generationsabfolgen nach sich.

Man sieht also, aus vermeintlichen „Schwächen“ von Geschlechts-Chromosomen auf das „Aussterben“ von Geschlechtern zu schließen, ist Unfug.

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